YSI Plenary Budapest 2016

Weshalb haben sich der Finanzminister Deutschlands, Wolfgang Schäuble, und der ehemalige Finanzminister Griechenlands, Yanis Varoufakis, anscheinend nicht verstanden?
Aus unserer Sicht fehlt beiden ein gemeinsames „makroökonomisches“ Paradigma, das für gegenseitiges Verstehen hilfreich wäre; beide beziehen sich auf unterschiedliche, unvereinbare Traditionen der Erklärung von „Wirtschaft“: Schäuble (bzw. seine Berater) glauben letztendlich ans neoklassische Paradigma, das bereits in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre gescheitert war dessen Unfähigkeit zur Erklärung von Finanzkrisen seit 2008 erneut offenbar geworden ist. Varoufakis bezieht sich auf die Tradition von Keynes, die die Neoklassik nach WK II ersetzte, aber ab Mitte der 70er wieder zugunsten der alten Neoklassik verdrängt wurde.

Auf dem Weg zu einem solchen neuen Paradigma, das beide Sichtweisen integrieren können soll, war ANEP economics jüngst in Budapest beim ersten „Plenary“ der Young Scholars Initiative (YSI) von INET (Institute for New Economic Thinking). Sowohl Geoffrey Hodgson (Legal Institutionalism) als auch Perry Mehrling (Money View) waren anwesend als Dr. Thomas Weiß für uns sein jüngstes Arbeitspapier „Accounting as the Link Between Legal Institutionalism and the Money View“ am 22. Oktober 2016 im Rahmen der Finance, Law and Economics Working Group vorstellte (siehe Video mit deutschen Untertiteln oben).

7 Gedanken zu „YSI Plenary Budapest 2016“

  1. Paradigma, schön und theoretisch; aber es geht ausschließlich um die Macht, die Regeln z.B. für Eigenkapitalquoten durchzusetzen.
    Eigentümer wollten einzig, daß ihr Kapital sich immer und höchstmöglich verzinst und verzinseszinst.
    Die europäische Bankenaufsicht wird ein Paradebeispiel für das Scheitern einer Währungs- und Staatenunion.

    1. Ja, sehen wir auch so – und Stützel hat das schon 1952 ebenso gesehen, und systematisch analysiert in seiner Dissertation „Analytische Theorie des Verhältnisses der Wirtschaft zum Staat“ (1952), erschienen 1972 beim Scientia Verlag in Aalen unter dem Titel „Wert, Preis, Macht“. Es enthält eine „zu einer allgemeinen ökonomischen Machttheorie verfeinerte Wert- und Preistheorie“. Sehr realistisch. Auch interessant dazu: Nitzan/Bichler: Capital as Power. Volltext: http://bnarchives.yorku.ca/259/ .

      Wir fügen dem noch die Dialektik der Gleichheit hinzu: gleiches Recht für alle per abstrakter Gesetzesnormen heißt Gleichbehandlung des Ungleichen – und das führt zu ungleichen Ergebnissen, sprich: Vorfahrt für die Stärkeren. Daher ist Liberalismus der Wahlspruch der Vermögensmächtigen. Um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen, müßte das Recht gerade ungleich sein (was es ja auch ist: Arbeitsrecht, progressive Besteuerung, etc.).

      Sehr erhellend hierzu ist auch die Geschichte der Frauenbewegung: mußte diese den Frauen zunächst Bürgerrechte im Namen der Gleichheit erstreiten, folgte darauf natürlich folgerichtig Feminismus 2.0.: man, äh, frau beharrte dann wieder auf „der Differenz“.

      Was ist Recht? Ein Produkt von Machtverhältnissen, das Machtverhältnisse organisiert und kanalisiert. Deswegen wird ständig um, im und gegen Recht gekämpft, wie Rudolf v. Ihering sehr schön beschrieben hat: „Das Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf“ ist der erste Satz seines 1872 verfaßten Vortrags, „Der Kampf ums Recht“.

      Sollten Sie allerdings meinen, Recht/Rechtsstaat und die Abwesenheit davon seien im Prinzip sowieso dasselbe, halten wir das für einen gefährlichen Fehlschluß, der aber natürlich von verschiedenster Seite mit tlw. verständlichen Gründen kommt, bei Ökonomen aber oft einfach in einem mangelnden Verständnis für Recht und seine Geschichte liegt. Krisen wie die gegenwärtige haben schon immer Rechtsnihilismus und verschäften Kampf ums Recht mit sich gebracht. Nur, um das klarzustellen: wir halten nichts von Rechtsnihilismus, aber viel von den Waffen des Rechts, um die gekämpft werden muß. Und zwar mit Macht, womit sonst?

    2. @ruby

      Danke für Deinen Kommentar. Du schreibst:

      > Paradigma, schön und theoretisch

      „Theoretisch“, das stimmt. „Schön“ wird sich zeigen.
      Kaum etwas erscheint mir praktischer zu sein als eine gute Theorie.
      _Irgendeine_ Theorie liegt ja jedem Handeln (zumindest unbewusst) zugrunde, wenn nicht „rein intuitiv“, d.h. theoriefrei, entschieden und gehandelt wird. Eine gute Theorie hätte demnach den Anspruch zielgerichtetes, erfolgreiches Handeln zu erleichtern.

      > es geht ausschließlich um die Macht

      Auch das Phänomen Macht (d.h. die Möglichkeit eines A den Bereich für Entscheidungen des B so zu verändern, dass die für B nun „beste“ Möglichkeit ausgerechnet jene ist, die für A ideal ist) lässt sich analytisch untersuchen. Dazu auch von mir noch einmal der Literaturhinweis von moneymind oben: Wolfgang Stützel – Preis, Wert und Macht, 1952.

      Sinnvoll erscheint es mir sich dieses Phänomen so genau wie möglich anzusehen, d.h. gerade auch theoretisch dazu zu arbeiten, mit dem Ziel sich selbst in die Lage zu versetzen einen „Ethos der Macht“ überhaupt erst entwickeln zu können. Die Macht als Phänomen analytisch zu ignorieren hilft mEn nicht weiter. Dieses analytische Ignorieren der Macht kann in unterschiedlichen Formen kommen:
      (1) so zu tun als gäbe es das Phänomen nicht (Ideal der „Reinen Ökonomie“)
      (2) auf dem Standpunkt stehen zu bleiben es _sollte_ das Phänomen nicht geben („Anarchie“)
      (3) es für prinzipiell unanalysierbar zu halten und sich der Macht damit prinzipiell _machtlos_ gegenüber zu sehen.

        1. Hallo Herr Beske,
          herzlichen Dank für den Hinweis auf das Promotorenmodell. Klingt für mich auf den ersten Blick interessant. Gibt es damit schon praktische Erfahrungen außerhalb einer privatrechtlich verfassten Unternehmung? Wie sind diese verlaufen?
          Besten Dank und schöne Grüße
          Nicolas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.