{"id":243,"date":"2016-05-01T14:09:41","date_gmt":"2016-05-01T12:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.anep-economics.org\/?p=243"},"modified":"2016-05-04T11:18:37","modified_gmt":"2016-05-04T09:18:37","slug":"marx-stuetzel-und-neue-europaeische-politische-oekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/?p=243&lang=de","title":{"rendered":"Marx, St\u00fctzel und Neue Europ\u00e4ische Politische \u00d6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Neuer Kommentar von Wolfgang auf guthabenkrise.de, passend zum 1. Mai, der nicht etwa der &#8222;Tag der Arbeit&#8220;, sondern der <strong>Tag der Internationalen Arbeiterbewegung<\/strong> ist:<\/p>\n<p>Den unteren 95% sind Theorie, Orientierung und Organisation abhanden gekommen, seit 1989 lassen sie sich vom liberalen ideologischen Gegner in die Orientierungs- und angebliche Alternativlosigkeit und Vereinzelung hineinreden. Am ersten Mai 1886 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erster_Mai#Haymarket_Affair\" target=\"_blank\">k\u00e4mpfte die nordamerikanische Arbeiterbewegung f\u00fcr eine Beschr\u00e4nkung der t\u00e4glichen Arbeitszeit auf 8 Stunden<\/a>.<\/p>\n<p>Am 1. Mai 2016 k\u00e4mpft in den USA Bernie Sanders f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftskandiatur, <!--more-->und vielleicht k\u00f6nnte sich die deutsche Arbeiterbewegung ggf. ja beispielsweise auch mal gegen Sch\u00e4ubles Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit auf 70 Jahre zu Wort melden &#8211; und gegen vieles andere mehr.<\/p>\n<p>Allerdings w\u00e4re es auch sch\u00f6n, wenn man F\u00dcR etwas sein k\u00f6nnte und ein besseres wirtschaftspolitisches Konzept bieten k\u00f6nnte als der in den K\u00f6pfen nach wie vor als &#8222;alternativlos&#8220; festgezurrte neoliberale Mainstream, praktisch nie etwas anderes einf\u00e4llt als Milton Friedman-Neuaufg\u00fcsse (ob sie nun &#8222;Vollgeld&#8220;, &#8222;bedingungsloses Grundeinkommen&#8220; oder &#8222;QE for the People&#8220; (Friedmans Helikoptergeld) hei\u00dfen) und die von Friedman eigens zur Schw\u00e4chung von Gewerkschaften erfundene &#8222;nat\u00fcrliche Arbeitslosenrate&#8220; fraglos hinzunehmen.\u00a0 Hier beginnt die Orientierungslosigkeit der Linken &#8211; und zwar bereits bei der Analyse der Situation, f\u00fcr die sich das theoretische Instrumentarium (Marx) nicht erst 1989 als unzureichend erwiesen hat.<\/p>\n<p>Es mu\u00df offensichtlich erst ein Liberaler kommen, der Marx verstanden hat. Und den gab es: Wolfgang St\u00fctzel. Der hat in seiner Saldenmechanik zwar vor allem monet\u00e4re Kreislaufparadoxa behandelt, die f\u00fcr Marx Thema des von ihm nie fertiggestellten und posthum von Engels ver\u00f6ffentlichten 2. Bandes des &#8222;Kapital&#8220; waren.\u00a0 Er hat aber in seinen &#8222;Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft&#8220; auch einen hervorragenden Abschnitt \u00fcber &#8222;Marx&#8217;sche Paradoxa&#8220;. Und dort schreibt der Liberale (!) St\u00fctzel:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px\"><i>&#8222;Die Marxsche Analyse des Konkurrenzparadoxons im Arbeitszeitfall liefert wirtschaftstheoretisch und wirtschaftspolitisch das Schulbeispiel eines Falles, in dem das konkurrierende Zusammenspiel der Wirtschaftenden &#8222;schlechte&#8220; Situationen erzeugt, deren Verbesserung grunds\u00e4tzlich weder durch einfache moralische Besserung der Einzelnen, noch durch entsprechende \u00dcbernahme von Verantwortung durch F\u00fchrer konkret \u00fcberschaubarer menschlicher Gruppen geleistet werden kann. <\/i><br \/>\n<i> <\/i><br \/>\n<i> <b>Solche fa<\/b><b>talen Prozesse k\u00f6nnen nur durch Globalma\u00dfnahmen \u00fcber den Gesamtbereich jeweils unmittelbar miteinander konkurrierender Wirtschafter gesteuert werden.\u00a0 Die Arbeitszeitordnung ist die erste moderne Aktion, die grunds\u00e4tzlich eben nur zentral &#8222;wohlfahrtsstaatlich&#8220; vorgenommen werden konnte.\u00a0 <\/b><\/i>(&#8230;)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px\"><i>Auch das Problem der gr\u00f6\u00dferen Beteiligung der Arbeiter am Volksverm\u00f6genszuwachs kann (genau wie das Problem der Verl\u00e4ngerung der Freizeit) nur durch &#8222;Globalaktion \u00fcber den Gesamtbereich unmittelbar miteinander konkurrierender Unternehmer&#8220; gel\u00f6st werden.&#8220; (Wolfgang St\u00fctzel: Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft, Aalen 1979, S. 395\/S. 395, FN 53) <\/i><\/p>\n<p>Ein &#8222;Wort zum 1. Mai&#8220; und zur Notwendigkeit von Arbeitsrecht (das ja seit 3 Jahrzehnten per &#8222;Deregulierung&#8220; und &#8222;Flexibilisierung&#8220; wieder abgebaut werden soll und wird) von einem echten Liberal-Sozialen, dessen &#8222;Volkswirtschaftliche Saldenmechanik&#8220; einen Kernbaustein f\u00fcr eine neue politische \u00d6konomie bereitstellt.<\/p>\n<p>Eine solche neue politische \u00d6konomie mu\u00df &#8211; wie St\u00fctzel und mit ihm &#8211; die Marx&#8217;schen St\u00e4rken ebenso wie seine Theoriefehler erkennen und aufheben. Daf\u00fcr ist auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Real-Sozialismus (1917-1989) und seinem Zusammenhang mit der Marx&#8217;schen Theorie n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Sie mu\u00df au\u00dferdem neben klassischen und Marx&#8217;schen auch die Keynes&#8217;schen Kreislaufparadoxa verst\u00e4ndlich machen.\u00a0 Daf\u00fcr ist St\u00fctzels Saldenmechanik unverzichtbares Handwerkszeug: St\u00fctzel liefert in seinen &#8222;Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft&#8220; (als LIBERALER!) u.a. auch eine hervorragende Marx-Interpretation, die ihresgleichen sucht. Siehe dazu <a href=\"https:\/\/guthabenkrise.wordpress.com\/2016\/04\/12\/karl-marx-warum-hat-der-erste-vorfinanzierungsoekonom-den-mehrwert-als-ausbeutung-kritisiert\/comment-page-1\/#comment-3792\" target=\"_blank\">Wolfgangs Kommentare auf J\u00f6rg Buschbecks Saldenmechanik-Blog &#8222;Guthabenkrise.de&#8220;<\/a>.\u00a0\u00a0 Die Kreislaufparadoxa werden jetzt auch von einigen Postkeynesianern &#8211; wie der MMT und den Stock-Flow-Consistent Modelers &#8211; gesehen.\u00a0 Daher brauchen wir auch den Schulterschlu\u00df mit diesen Leuten.<\/p>\n<p>Eine solche Neue Politische \u00d6konomie f\u00fcr die unteren 95% braucht allerdings auch den expliziten R\u00fcckbezug auf die staatlichen und rechtlichen Fundamente des Kapitalismus, die Marx in seiner Kritik der Politischen \u00d6konomie nicht mehr untergebracht hatte, weil er sich den Zugang dazu &#8211; und damit auch zur Kreditwirtschaft, dem Schl\u00fcssel zum &#8222;Kapitalismus&#8220; &#8211; fr\u00fch durch seine &#8222;materialistische Wende&#8220; und sein &#8222;Basis-\u00dcberbau&#8220;-Dogma verbaut hatte. Ein Verst\u00e4ndnis der staatlichen und rechtlichen Fundamente l\u00e4\u00dft sich auf einfache Weise gewinnen, indem man Saldenmechanik \u00fcber kaufm\u00e4nnische Buchhaltung explizit aufs Recht r\u00fcckbezieht (s.u.), auf dem es empirisch beruht. Denn wor\u00fcber &#8222;Buch gef\u00fchrt&#8220; wird, sind Verm\u00f6gensrechte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px\"><em>&#8222;Das Verm\u00f6gen ist eine Summe, eine Zusammenfassung von Rechten und Rechtsverh\u00e4ltnissen, und zwar im Hinblick auf eine bestimmte Person, der sie zustehen. Auch hier begegnet uns wieder die Gleichsetzung der Sache mit dem Eigentum an der Sache; so, wenn in einer Verm\u00f6gensaufstellung nacheinander angef\u00fchrt werden: Grundst\u00fccke, bewegliche Sachen, Forderungen und andere Verm\u00f6gensrechte. Rechtlich gesehen sind Sachen, als Rechtsgegenst\u00e4nde erster Ordnung, nicht mit Rechten als Rechtsgegenst\u00e4nde zweiter Ordnung auf den gleichen Nenner zu bringen. Es m\u00fc\u00dfte daher hei\u00dfen: Eigentumsrechte an Grundst\u00fccken, Eigentumsrechte an beweglichen Sachen, Forderungen und sonstige Rechte. Mit Recht sagt v. Tuhr: \u201eKeine unmittelbaren Bestandteile des Verm\u00f6gens sind die Objekte der zum Verm\u00f6gen geh\u00f6renden Rechte; das Verm\u00f6gen besteht aus dem Eigentum an den Sachen, die dem Berechtigten geh\u00f6ren, nicht aus den Sachen selbst, aus den Forderungen, nicht aus den Leistungsgegenst\u00e4nden, die verm\u00f6ge der Forderung verlangt werden k\u00f6nnen.\u201c\u00a0 (Karl Larenz: Lehrbuch des Schuldrechts, M\u00fcnchen 1987, S. 306)<\/em><\/p>\n<p>Mithilfe dieser einfachen empirischen Verbindung von Saldenmechanik und Recht\/Staat \u00fcber die Buchhaltung bekommen wir ganz nebenbei u.a. auch eines der oft \u00fcbersehenen Kernprobleme der Globalisierung sehr klar auf den Schirm: das Problem der <a href=\"http:\/\/blog.anep-economics.org\/?attachment_id=269&amp;lang=de\" target=\"_blank\">Macht transnationaler Gro\u00dfkonzerne \u00fcber kleinere Staaten<\/a>.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem brauchen wird den systematischen Vergleich von Rechtsbeziehungen mit direkt pers\u00f6nlichen Beziehungen, wie sie in Gemeinschaften ohne Staat gelebt werden (auch das hatte f\u00fcr Marx eine zentrale Rolle gespielt).\u00a0 Daf\u00fcr brauchen wir auch Rechtswissenschaft, Rechtsvergleichung und Rechtsanthropologie &#8211; die Marx in seinem Modell nie mehr unterbringen konnte, weil er diese prim\u00e4ren Elemente des Kapitalismus als junger Student zu blo\u00dfen Anh\u00e4ngseln der &#8222;materiellen Produktion&#8220; erkl\u00e4rt hatte, was die Wirklichkeit auf den Kopf stellt.<\/p>\n<p>Mehr dazu im folgenden Video (Details im Text dazu &#8211; <a href=\"https:\/\/www.dropbox.com\/s\/qg20d0m46i2tntq\/Theil_W_WINIR_2016_Paper.doc?dl=0\" target=\"_blank\">klick to download<\/a>).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Wolfgang Theil - WINIR Symposium &quot;Property Rights&quot;, April 4th 2016, Bristol, UK\" width=\"750\" height=\"422\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/D8O5-ke6tWs?start=458&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Diskussion um die rechtlichen und staatlichen Fundamente der Geldwirtschaft wird \u00fcbrigens mittlerweile auch <a href=\"http:\/\/www.modernmoneynetwork.org\/?q=content\/money-hierarchical-system\" target=\"_blank\">beim Modern Money Network gef\u00fchrt<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuer Kommentar von Wolfgang auf guthabenkrise.de, passend zum 1. Mai, der nicht etwa der &#8222;Tag der Arbeit&#8220;, sondern der Tag der Internationalen Arbeiterbewegung ist: Den unteren 95% sind Theorie, Orientierung und Organisation abhanden gekommen, seit 1989 lassen sie sich vom liberalen ideologischen Gegner in die Orientierungs- und angebliche Alternativlosigkeit und Vereinzelung hineinreden. Am ersten Mai&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/blog.anep-economics.org\/?p=243&#038;lang=de\"><span class=\"screen-reader-text\">Marx, St\u00fctzel und Neue Europ\u00e4ische Politische \u00d6konomie<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[120,114,122,78,76,112,124,118,116],"class_list":["post-243","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein-de","tag-guthabenkrise","tag-keynes","tag-kreislaufparadoxa","tag-legal-institutionalism","tag-legal-theory-of-finance","tag-marx","tag-marxsche-paradoxa","tag-saldenmechanik","tag-stuetzel","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/243","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=243"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/243\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":270,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/243\/revisions\/270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.anep-economics.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}